> > Deine Bewunderung für die vermeintl. Gewinner der Globalisierung
> > erinnert an die klammheimliche Bewunderung für Kriminelle, denen ein
> > besonders ausgeklügeltes Rififi gelungen ist.
>
> Ein kleiner Auszug aus dem kommunistischen Manifest:
>
> Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen,
> patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die
> buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen
> Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band
> zwischen Mensch und Mensch übriggelasssen als das nackte Interesse,
> als die gefühllose ,,bare Zahlung. Sie hat die heiligen Schauer der
> frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der
> spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer
> Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert
> aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieftfen und
> wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit
> gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen
> und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene,
> unverschämtel, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
>
> Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu
> betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat
> den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der
> Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
>
> Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen
> rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines
> Geldverhältnis zurückgeführt.
>
> Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die die
> Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten
> Bärenhäuterei ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen,
> was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz
> andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische
> Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge
> ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
>
> Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die
> Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also
> sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu
> revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise
> war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen
> Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die
> ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die
> ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor
> allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem
> Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden
> aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können.
> Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht,
> und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre
> gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.
>
> Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre
> Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß
> sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
>
> Mit spießbürgerlichen Grüßen
Es ist ein wunderbarer Absatz. Natürlich vermischt Marx hier die
Bourgeoisie mit seiner eigenen Analyse und zwar so, dass sie sich
nicht als Heldin der modernen Welt, die sie eigentlich ist, mit sich
selbst identifizieren kann, steht sie doch für den Idealismus, den er
durch sie nun zerstört sieht. Dabei ist das Ganze aber doch auch ein
bischen scheinheilig, denn auch er glaubt ja selbst nicht die Bohne
an das Heilige, an das Ständische und Stehende, an idyllische,
patriarchale Verhältnisse und altehrwürdige Vorstellungen, kurzum an
die Schäferromantik, die ihre Sehnsüchte auf das Mittelalter
projizierte und danach strebte dies zu restaurieren.
Nun gab es für Marx jedoch noch einen anderen, positiven Helden,
nämlich das Proletariat, dass in seiner rohen Kraft die
Industrialisierung in Gang hält. Weit davon entfernt, die Barbarei
der Moderne umkehren zu wollen und zum Fürsprecher der Reaktion zu
werden ( gerade er verwahrt sich dagegen, wie z.B. im mittleren
Absatz ), wollte Marx die in dieser rohen Natur gebundene Energie
freisetzen. In einer weiteren Revolution. In dieser Roheit konnte
jedoch auch etwas vom unvermittelten Charakter der alten Welt
überleben. Der historische Materialismus hatte nun aber nicht nur die
Funktion den Idealismus zu überwinden, der die konkrete Analyse
verkleistert und den klaren Blick entschärft, sondern er sollte auch
dort Objektivität herstellen, wo gehandelt und verhandelt wird. Das
war dann der schwierigere Teil von Marx Arbeit, mit dem er nie fertig
geworden ist: der Kapitalismus war nämlich schon weiter als die
Dialektik von Subjekt und Objekt. Werte sind nicht subjektiv oder
objektiv. Sie werden verhandelt und immer wieder neu verhandelt und
gehandelt und bleiben damit kontingent. Der Wert wird operational
definiert und nicht nach intrinsischen Kriterien. Die Kontingenz wird
für einen kurzen Moment aufgehoben im Preis, der jedoch selbst eine
variable und vor allem statistische Größe darstellt: Händler
orientieren sich immer an anderen Preisen und treten nicht als
Souveräne auf. Es ist genau diese radikale Kontingenz des Wertes, der
im Tauschakt erst bestimmt wird, unter Einbeziehung der Information
über vergleichbar bestimmte Werte, statt ihm absolut vorauszugehen,
welcher die radikale Wertkritik nach sich gezogen hat, angefangen mit
der von David Ricardo übernommenen Arbeitswerttheorie, auf der sich
der Begriff des Mehrwerts und damit jener der Ausbeutung stützen. In
jedem Falle wird der Versuch unternommen zur Quelle des Wertes
zurückzukehren ohne große Aussicht allerdings, aus dieser
Objektivität einmal den Tausch ableiten zu können. In dieser Rückkehr
zum Objekt war die Theorie selbst noch romantisch.
In der Banalität und Kontingenz der Verhandlung, die immer in einem
Kompromiss endet und immer nur weitere Verhandlungen von gleichem Typ
nach sich zieht, ist die alte Macht und letztlich auch das
christliche Abendland in seiner übersteigerten Subjektivität
untergegangen. Die Macht, die verbunden ist mit dem allsehenden Auge
Gottes, weiß selbst nicht, wohin der Preis sich bewegen wird, wie die
Interessen morgen beschaffen sein werden, was der Markt gerade will.
Das ist das berühmte “Chaos der Marktes”, dass nun zum letzen
Herrscher wird, nachdem die Idee der Herrschaft, die eines
herrscherlichen Subjekts in ihm ad absurdum geführt wurde.
Tloen