re - Von einer Gesellschaft, die auszog, das …
Posted by admin on 04 Mrz 2008 at 09:01 pm | Tagged as: Allgemein
> Wie kommst du auf die Idee, ich würde das “übersehen”? Ich glaube, du
> hast mich nur falsch verstanden. Ich wollte die ‘Wende’ nicht
> makellos reden, im Gegenteil, so wie sie dann tatsächlich war, war
> sie alles andere als geglückt.
> Wovor kapitulierte man denn? In diesem Falle vor der Pleite, dem
> Druck des Westens und dem eigenen Volk, dass sich immer mehr in Luft
> aufzulösen begann oder aber auf die Straße ging. Revolution ist der
> aktiv herbeigeführte Umsturz von etablierten Verhältnissen. Und genau
> das war es letzten Endes.
> Ich wollte auch überhaupt keinen “Vorbild-Charakter” der Wende für
> eventuelle Umwälzungsantrengungen zukünftig herbeizitieren. Wie
> gesagt, da hast du mich missverstanden. Ich habe die Wende als
> Beispiel dafür hernehmen wollen, dass man es durchaus schaffen kann,
> sehr viele Menschen von der Schlechtheit der Zustände zu überzeugen
> und davon, sich politisch zu engagieren.
Da habe ich dich dann schon mißverstanden (konnte es erst gar nicht
glauben). Wobei die “Revolution” - würde man die Darstellungen der
Politiker ernst nehmen - in diesem Falle wirklich gelungen wäre,
hätte sie wirklich so stattgefunden. Ansonsten bin ich deiner
Meinung.
> Nana, Alter schützt vor Verantwortung nicht ;o) (im Gegenteil)
Aber leider auch nicht vor Bequemlichkeit, Resignation und
Selbstbetrug (im Gegenteil). Du kannst mir übrigens glauben, daß ich
aus dem üblichen Schema heraus falle. Und so alt bin ich auch wieder
nicht, als 41jähriger konnte ich mir sogar recht vieles erhalten -
was wiederrum zu entsprechenden Kommentaren Gleichaltriger geführt
hat.
> Allerdings ist der Zustand unserer Jugend gerade hinsichtlich Bildung
> und Engagement bisweilen erschreckend. Wie soll man Jugendliche für
> eine friedliche Koexistenz der Kulturen begeistern, wenn man in
> Befragungen unverhohlenen Rassismus serviert bekommt, ohne dass diese
> Kids diesen auch als solchen erkennen? Und genau das ist ja die Basis
> für die Erkenntnis bezüglich der derzeitigen desolaten Weltordnung -
> ein Interesse daran haben, dass alle Kulturen respektiert und
> geachtet werden müssen, dass es keine “besseren und schlechteren
> Rassen” gibt.
Das ist jetzt die völkische Variante. Im Grunde kannst du den Begriff
“Rasse” hier aber auch auf Individuen umsetzen. Der
Selbstverwirklichungsrausch, der schon in meiner Jugend die Leute
benebelte, hat sich heute schier endlos ausgeweitet. Ich war auch mal
Existentialist und glühender Sartre-Verehrer, doch mittlerweile hat
diese Liebe einen ziemlichen Knacks bekommen. Um noch weiter
zurückzugreifen: die Freiheit des Einzelnen darf nicht erst da enden,
wo die des Anderen beginnt, sondern schon in Fragen von Moral und
Ethik an Grenzen stoßen. Da bin ich ziemlich wieder zurück gerudert
und vergebe hier sogar (mit Bauchweh) einen Punkt an den Islam. Wenn
du dir unsere in Selbstsucht und Egoismus versumpfende Gesellschaft
ansiehst, dann wirst du vielleicht auch feststellen, daß Rassismus
eine logische Konsequenz ist und kein eigenständiges Übel. Gottlob
(warum gibt es für dieses Wort denn keine nicht-spirituellen
Synonyme?) begreifen auch immer mehr Menschen von selbst dieses Übel
und wollen aussteigen. Bin seit einigen Jahren sehr vom Buddhismus
beeindruckt, wobei ich eher den fernöstlichen Schulen anhänge und
hoffe, daß der Dalai Lama bald mal krepiert, sonst vergewaltigt der
selbstverliebte Popstar diese Philosophie auch noch bis zum Koma.
> Stimmt. Hat ja bei mir auch ewig gedauert, bis ich anfing, mich
> politisch zu belesen und die Welt etwas aufmerksamer zu betrachten.
> Wenn ich König von Deutschland wär’, …. würd ich als erstes an
> Schulen das Fach “Politische Bildung” ab Klasse 5 einführen.
Hm - ob das was hilft? Du siehst die schlimmsten Faschisten doch mit
Abi in der Tasche herumlaufen. Provokant gesagt kommen immer mehr
Seelen-Zombies aus dem Bildungssystem gekrochen, WEIL es eine
“politische Bildung” ab dem Kindergarten gibt. Die Kids werden doch
von der Nuckelflasche an auf Sozialdarwinismus getrimmt, am
schlimmsten sind die Eltern. Ich sehe abseits von politischer
Farbenlehre hier das eigentliche Grundproblem. Interessant hierzu:
mit wertkonservativen Christen habe ich in der Regel trotz radikal
unterschiedlicher Standpunkte wesentlich weniger Probleme, als mit
sozialdemogrünen Gesellschaftsmanagern. Eine Beobachtung, die mich in
der Geschichte meiner bayrischen Heimatstadt sehr stark beeindruckt
hat: gegen die Nazis hielten Katholiken und Sozialrevolutionäre (die
hier gegenüber den Stalinisten dominant waren) zusammen, obwohl sie
vorher permanent im Clinch waren.
> *räusper*
>
> Also mit einem Alter so um die 30 würde ich nicht sagen, dass man
> mich als “taufrischen” Teenager verkaufen könnte ;oD
Aber du hast auf jeden Fall mehr Zugang zu den Teenies.
> Aber im Grunde hast du Recht. Es muss Mittel und Wege geben, den Kids
> Politik als etwas nahezubringen, dass man nicht unbedingt abstoßend
> finden muss. Jaaa, Politik kann nämlich richtig Spaß machen. Und eine
> Erfahrung hab ich schon gemacht: Gewinne die Kids dermaßen für eine
> Sache, dass sie sie als “ihre” annehmen - und du wirst staunen, wie
> viel Verantwortung und Disziplin 14-jährige dann doch schon an den
> Tag legen können - freiwillig.
Genau richtig, in Sperrschrift sollte dieses “freiwillig” da stehen.
Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Brecht-Zitat “alles was um
dich herum geschieht ist Politik” gemacht. Eigentlich wollen sie ja
ganz gerne, aber bei einem Politik-Verständnis, das rein auf
technokratischem Faktenklauben und promovierter Erbsenzählerei fußt,
tun sich die Leute verständlicherweise schwer. Da können sich nur
Antifa-Sabbler und die Brillenschlangen aus der Attac-Gruppe noch
behaupten. Es muß wieder mehr Philosophie in die Politik kommen, da
können Jugendliche viel eher mithalten und den Alten hier und da
sogar noch was vormachen.
> Naja, sieht man sich mal die Entwicklung an, die die Antifa in den
> letzten Jahrzehnten genommen hat, würde ich mal behaupten, dass das
> kein Wunder ist. Ich persönlich halte nicht mehr viel von der Antifa.
> Aus mehrheitlich friedensstiftenden Idealen ist meist nicht mehr viel
> mehr übrig, als frustrierter Extremismus, bei manchen autonomen
> Abspaltungen sogar bis hin zum ideologischen Fanatismus. Wenn ich
> einem Antifa-Aufmarsch beiwohne (ist in meinem Viertel öfter mal der
> Fall), vermisse ich das Ziel, die Zusammengehörigkeit und den Sinn
> der ganzen Aktion.
Reiner Selbstzweck. Die Betonköpfe sind allerdings die paar Prozent,
die sich vorne hinter ihren “Seitentranspis” verkeilen (das finde ich
ja soooo lächerlich, für Freudianer gewiß erhellend). Der Rest der
Leute ist eigentlich sehr okay, man muß nur mal hingehen und mit den
“Mitläufern” reden - da steckt jede Menge Potential drin.
Erfreulicherweise greift der Anarchismus in diesem Spektrum mehr und
mehr und auch wenn du dieser Denkrichtung nicht anhängen solltest,
mußt du erkennen, daß dahinter die Tendenz zu einem Denken, wie ich
es oben angerissen habe, steckt. Der politstrategische Schwachsinn
von Antifa, Anti-Imps und dergleichen wird meiner Überzeugung nach in
den nächsten Jahren bis auf Reste im Rinnstein der Geschichte
verschwinden. Wir dürfen bloß nicht den Fehler machen, von der
Kleiderordnung der jungen Leute auf deren Gesinnung zu schließen.
> Kann ich mir erst daheim zu Gemüte führen, auf Arbeit gibts keinen
> vernünftigen Player.
Lass dich aber nicht von dem Hang zur Gewalt abschrecken, für
Unbeteiligte sind die damaligen Ereignisse nur schwer zu verstehen.
Auch ging es uns nicht um Knall und Rauch, sondern wir wollten dem
appellativen Protest die aktive Blockade entgegensetzen. Nach
Pfingsten war die “Großdemo” für die meisten Autonomen ein gräßliches
Unding, bei dem es automatisch zum Blutrausch kommt und wir hielten
eifrig den bürgerlichen Gruppen entgegen, die nicht auf diese
Ausdrucksform verzichten wollten. Ich denke, an der SIKO in München
sieht man heute recht deutlich, daß der Polizeistaat viel zu weit
voran gekommen ist. Derartige Aufmärsche sind in meinen Augen die
Dinosaurier des Widerstands.
> Ich bin der Ansicht, dass man die Jugendlichen bisweilen überfordert,
> rückt man gleich mit bestimmten Gesinnungen oder subjektiven
> Ansichten an sie heran. Politische Bildung sollte von klein auf etwas
> ganz normales für Kinder und Jugendliche werden. Basis-Wissen und
> Kenntnisstände, über die mehrheitlich wissenschaftlicher Konsens
> herrscht, nicht mehr. Eine Meinung sollten sie sich dann selbst
> bilden. Die meisten der Kids heute haben nicht einmal eine Meinung,
> sondern quatschen den Sülz vom Vordermann nach, nach dem Motto:
> hauptsache überhaupt was sagen, soll ja keiner merken, dass ich nicht
> den Hauch einer Ahnung habe von dem, was der mich da gerade gefragt
> hat”.
Vorsicht! Hier siehst du vordergründig ein affenartiges Nachäffen.
Ich sehe da den zarten Ansatz der sozialen Konditionierung, der in
uns Menschen einprogrammiert ist. Das wird nicht mehr geübt, das wird
durch Vorgaben von Hierarchien ersetzt. Der Ansatz, durch Bildung
würden die Menschen besser, ist doch alt und überholt - das war eine
der Hauptideen der Sozialdemokratie. Am Ende beißt sich jedoch die
Katze in den Schwanz.
Gruß
Anarc